Gegendarsteller

Hallo

Man nennt mich Fidel, Ich mache Interaction & Web Design. Hier geht es aber auch um Anderes.
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I’m absolutely and completely fucked up 28. Mai 2011

Nicht das erste Mal steige ich am Hauptbahnhof Dresden in den Nachtzug, bisher meist im Liegeabteil, für sechs Personen, einmal, aufgrund merkwürdiger Preispolitik der Deutschen Bahn im Deluxe Abteil. Neben dem günstigsten Preis überzeugte Ruhe und Komfort. Zwar wurde die Länge der Betten meiner Größe immer noch nicht gerecht, das eigene Bad, inklusive Dusche, und im Besonderen die kleine Flasche Wein die einem zum Antritt der Reise gestellt wurden besänftigten jedoch genug um über kleinere Komfortmängel, auf die man mitunter auch in Pensionen oder Hotels trifft, zu übersehen.
Lediglich der gebührende Abschluss des Reiseerlebnis ging unter pappigen Aufbackbrötchen, synthetisch schmeckendem Orangensaft, Käse und Wurst niedriger Qualität und wässrigem Kaffee verloren. Doch fühlte man sich beim Aussteigen, und vielleicht war es bloße Einbildung, ein Stück ausgeschlafener als man es von früheren Nachtfahrten gewöhnt war.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich kurz vor neun auf dem Bahnsteig stehe, auf dem, wie immer, große Unsicherheit herrscht, welcher Zugteil nach Zürich, welcher nach Amsterdam fährt und mit welchem man nach Karlsruhe, mit welchem nach Berlin komme.
Der Wagen 263, in dem ich knappe zwölf Stunden verweilen werde, bietet keine Liegemöglichkeit. Ruhesessel werden die bananenförmigen, futuristisch angehauchten Sitze genannt. Beim betreten des Wagens, dieser noch gespenstisch leer, fühlt man sich in einen Science-Fiction Film verbannt.
Um 21:04 setzt sich der City Nightline in Bewegung, verlässt die Stadt im Abendlicht, nicht mehr spektakulär, ich blicke nicht aus dem Fenster. Stattdessen beginne ich einen der Podcasts zu hören, andere Lesen.
Eine gute Stunde später, es ist bereits dunkel, erreicht der Zug Leipzig, der Zug füllt sich, während die rechte Seite des Wagens nun annähernd voll besetzt ist, bleibt die linke frei. Auch neben mir nimmt ein unsympatischer Mann zwischen 40 und 50 Platz, wir kommen nicht ins Gespräch, seine akustischen Äußerungen beschränken sich lediglich auf ein “Mist!”, als ihm Getränk und Chips, die er erst später, mittels störender Kaugeräusche und unter widerlichem Geruch, verzehrt.
Die Ersten versuchen ihre Augen zu schließen, einige Sitze werden zurückgestellt. Erst jetzt betritt der Schaffner den Wagen, kontrolliert die Karten und erinnert die Fahrgäste an ihren Zielbahnhof, er informiert darüber, dass nicht geweckt werde und dass man an einigen Bahnhöfen die hintere Tür nicht verwenden sollte, da der Bahnsteig eventuell nicht lang genug ist.
Ein längerer Aufenthalt erwartet uns in Halle, einige steigen aus, auch ich entscheide mich etwas frische Luft zu schnappen. Vorbei an der Toilette, die enger ist als die der Deluxe Abteile, betrete ich den Bahnsteig. Der Bahnhof wirkt recht verlassen. Abgesehen von zwei oder drei Regionalzüge, ist der City Night Line der letzte Zug des Tages, welcher erst kurz vor zwölf samt des neu angegliederten Berliner Zugteils abfahren wird. Dass der Bahnhof ein rauchfreier ist, scheint zu dieser Zeit aufgehoben zu sein oder niemanden zu stören. Ein Mann, Mitte zwanzig, bietet mir eine Zigarette an, wir wechseln wenige Worte, er fährt nach Frankfurt.
Zurück im Zug schaltet der Wagen fröhlich zwischen vollständiger und teilweiser Beleuchtung hin und her. Ein Mitreisender fällt störend auf als er beginnt seinen Slasher Film bei aufgesetzten jedoch nicht angeschlossenen Kopfhörern zu schauen. Natürlich ist fraglich inwiefern es überhaupt angemessen ist einen solchen Film zu konsumieren und ob, auch wenn der Reisende es nach etwas Zeit vermochte die Kopfhörer zweckmäßig einzusetzen, das flackernde Licht zumindest den Sitznachbarn nicht störe.
Um 23:58 geht das Licht aus, der Zug verlässt Halle. Die Tasten meiner Tastatur kaum noch sehen könnend, fahre ich fort den Podcast zu hören und bewege den Sessel unter Quietschen in Liegeposition.

Ohne wirklich geschlafen zu haben, lässt mich gegen vier Uhr ein Geräusch die Augen öffnen, welches sich deutlich von den anderen Zug-, Schnarch-, und Essgeräuschen, sowie ansteigenden Klingeltönen,
abhebt.
Wir sind gerade in Frankfurt angekommen, da hastet mein Sitznachbar samt Gepäck, sich darüber aufregend, dass der Bahnsteig zu kurz sei zur vorderen Tür.
Jetzt, wo man etwas mehr Platz hätte, welcher den Komfort soweit erhöht hatte, dass ich doch noch etwas schlafen könnte, wird dieser Plan vom anbrechenden Tag durchkreuzt.
Einige Reisende steigen bereits aus, aber auch die verbleibenden Passagiere, scheinen, wenn überhaupt nur wenig und unruhig geschlafen zu haben. Gegen halb sechs geben selbst die letzten den Versuch noch etwas zu schlafen auf.
6:26 Uhr, Offenburg, während die Sonne meine schläfrigen Augen blendet und weitere zweieinhalb Stunden Fahrt vor mir sehend verschwinden die der Nachtzugfahrt zugeschriebenen Vorteile vollends. Eine McCafé Werbung am Bahnhof, steigert die Lust auf Kaffee.
Den halben Zug zweimal durchquert habend und um 2,80€ erleichtert bin ich im Besitz eines Filterkaffees. In der Hoffnung der Styroporbecher gibt nicht gleichermaßen Geschmacksstoffe wie Geruchsstoffe ab, kippe ich die wässrige Brühe hinunter, um etwaigen Entzugserscheinungen des Koffeins, besonders Müdigkeit, welche ja, Coffeinismus hin oder her, ganz klar als eine solche einzuordnen ist, vorzubeugen.
Vor der Grenze steigen zwei Zollbeamte zu, fragen mich, nachdem sie mich einige Sekunden musterten, nach Zielort und Ausweis.
Jeden Halt leert sich der Zug, zusteigen darf keiner. Bald breitet sich die gespenstische Leere, die ich schon zu Beginn der Reise verspürt hatte, erneut aus.

Ich bin müde.

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Plüdder 30. Mai 2011 11:17

“futuristisch angehaucht” – könnten Sie diesen Term bitte etwas präzisieren? Der “Hauch” ist doch üblicherweise als Motiv eher einer romantisch tradierten Weltanschauung verbürgt. Inwiefern dieses eine Synthese mit größenwahnsinnigen, ja superabstrakten Visionen eingehen kann, interessiert mich. Ist es der Dreckfleck auf dem Sitzpolster?

Ich freue mich auf eine rege Diskussion.

agonist http://regularnoise.wordpress.com 30. Mai 2011 12:13

Hallo Plüdder,
Sie haben, durchaus korrekt, Kontrast ausgemacht, haben jedoch bei ihrer Interpretation einen falschen Weg eingeschlagen, haben sich, wohl aufgrund fehlenden Halts, in Details verirrt und dabei die Grundproblematik aus den Augen verloren. Dies tut mir Leid.
Betrachtet man das Gesamtbild, so stehen schon der Zug, die Maschine mit all ihrem Lärm und Schmutz, dem Schlaf und der dafür nötigen Ruhe und Entspannung, gegenüber. Es ist vielmehr ein dialektischer Konflikt zwischen Arbeit und Leerlauf, der sich in einer akzeptablen Mitte (längere Zugfahrt und weniger Schlaf) zu vereinen versucht.
Es ist ein Kampf der ausgetragen wird zwischen dem Mensch, dem Romantiker und der Maschine, dem Futurist, dies zu übertragen als “futuristischen Hauch” war mein Ziel

Viele Grüße vom Agonisten

Plüdder 30. Mai 2011 12:19

Guten Tag,

Ich freue mich sehr über ihre Antwort, mit dieser ist mir sehr weitergeholfen, meine Frage beachte ich nun als hinreichend beantwortet.

Es ist halt so, manchmal da geht man auf Irrwegen zu weit, um noch von alleine wieder zurückzufinden.

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